Die träumende Tänzerin

Die träumende Tänzerin

24. September 2022 1 Von anna

Balletttänzerin zu sein, das war immer ihr Traum gewesen. Bereits als zweijähriges blond gelocktes Mädchen drehte sie sich ununterbrochen vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer ihrer Eltern. Zunächst amüsierte sie mit ihrem Plumpsen auf den Po jeden, der ihr zusah. Doch Monate vergingen und das Mädchen hörte einfach nicht auf, eine Drehung nach der nächsten zu versuchen, bis es sich eines Tages tatsächlich auf den Beinen hielt. Und nicht nur das. Auf den Spitzen ihrer Zehen stand sie beinahe so grazil wie eine wirkliche Ballerina, sah ihre Mutter an, plumpste auf den Po und lachte so lange, bis auch die Mutter mit einstimmte.

Kaum zehn Jahre später hatte sie unzählige Aufführungen getanzt. Das tägliche Training hatte sich ausgezahlt. Doch das Mädchen wollte mehr. Es wollte weg von Zuhause. Es wollte raus in die Welt und diese tanzend erobern. „Wer den Kopf verliert, beweist damit nicht, dass er vorher einen hatte“, sagte ihre Mutter bei jedem Abschied am Bahnhof, wenn das Wochenende daheim vorüber war und das Mädchen zurück ins Internat fuhr. Viereinhalb Stunden fuhr der Zug und das Mädchen dachte jedes Mal angestrengt über die Abschiedsworte ihrer Mutter nach.

„Wer den Kopf verliert, beweist damit nicht, dass er vorher einen hatte“, murmelt es gedankenversunken vor sich her.

„Was flüsterst du da?“, fragte plötzlich eine freundliche Stimme.

Das Mädchen erschrak. So oft hatte sie diese Fahrt schon hinter sich gebracht, ohne angesprochen zu werden. Doch heute war etwas anders. Bereits früh morgens beim Aufstehen hatte sie dieses Gefühl gehabt, dass heute etwas passieren würde. Sie hatte nicht gewusst, was es sein würde, aber sie hatte gespürt, es würde bedeutsam sein.

„Hast du keine Lust zu antworten?“, fragte die Stimme wieder und klang sogar noch freundlicher als zuvor. „Ist schon in Ordnung, kann ich sogar verstehen.“

„Tatsächlich? Wieso?“, fragte das Mädchen und sah von seinem Buch auf, das es seit seiner Abfahrt geöffnet auf dem Schoß liegen hatte, aber bisher nicht eine einzige Zeile davon gelesen hatte. Zwei fragende braune Augen blickten sie an. Sie blickte zurück. Stille.

Plötzlich durchbrach ein lauter Knall das Schweigen und die Blicke beiden Augenpaare lösten sich. Dicker grauer Qualm vernebelte die Sicht. Die Bremsen des Zuges quietschten laut und mit einem Mal stand der Zug still. Das Mädchen schüttelte seinen Kopf, um sich zu besinnen. Suchend blickte es umher, konnte jedoch nichts erkennen. Umgeben von einer Rauchwolke gelang es ihr nur mühevoll sich von ihrem Sitz auf den Gang zu tasten. Überall standen Gestalten, deren Gesichter sie nicht erkennen konnte. Sie hörte panische Schreie, ängstliches Jammern und wütendes Gebrüll zugleich. Plötzlich packte sie jemand an der Schulter und zog sie mit sich.

„Was soll das? Wer sind sie? Was wollen sie?“, rief das Mädchen, aber bekam keine Antwort. Kräftiger zog die Gestalt an ihr, je mehr sie sich zur Wehr setzte, bis der Nebel endlich etwas lichter wurde.

„Das hätten wir geschafft“, prustete ein junger Mann und ging hustend zu Boden. Das Mädchen verstand nicht, was geschehen war und blickte hilfesuchend umher. Langsam stand der junge Mann auf und das Mädchen erkannte die braunen Augen, die sie vor dem lauten Knall so freundlich angeblickt hatten.

„Was ist geschehen?“, fragte das Mädchen.

„Ich weiß es nicht“, sagte der junge Mann, „noch nicht, aber mit deiner Hilfe, bekommen wir es heraus.“

„Mit meiner Hilfe?“ Das Mädchen sah den Mann erstaunt an und wusste nichts weiter zu sagen, außer „was kann ich denn schon helfen?“

„Nur du kannst jetzt noch helfen“, entgegnete der Mann und streckte seine Hand nach ihr aus. Auffordernd nickte er ihr zu. „Du hast den Kopf dafür.“ Der Mann lächelte, drehte sich um und ehe er verschwand, griff das Mädchen nach seiner Hand, um ihn zu begleiten. Sie ahnte, dass sich ihr Leben nun von Grund auf ändern würde und dass dieser Mann, wer immer er war, damit zu tun hatte. Ihr Herz klopfte wie wild in ihrer Brust, aber es war keine Angst.

„Ich bin Amelie“, sagte sie mit zarter Stimme, „ich tanze Ballett.“

„Ich weiß.“ Der Mann blieb stehen und blickte sie ermutigend an. „Und jetzt komm. Wir haben schon zu viel Zeit verloren.“ Mit seiner rechten Hand griff er in die Innentasche seiner Jacke und holte etwas heraus, das wie ein Würfel aussah, nur hatte dieser statt sechs acht Seiten und es waren auch keine Punkte oder Zahlen darauf, wie Amelie es kannte. Seltsame Symbole, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, waren darauf. Amelie musste auf Zehenspitzen stehen, um richtig sehen zu können, aber diese Zeichen hatte sie noch nie gesehen, da war sie sich sicher. Erst jetzt bemerkte sie, wie groß der Mann eigentlich war. Schmal, aber groß. Er hatte ihre Hand losgelassen und begann den Gegenstand in seinen Händen langsam zu drehen. Aber er drehte ihn nicht einfach im Kreis. Er schien ihn rhythmisch und gleichmäßig mal in die eine und mal in die andere Richtung zu drehen. Amelie war es, als würde immer die Seite, die er nach oben hielt, ganz schwach aufleuchten. Nur ein kurzes Glimmen. Oder bildetet sie sich das nur ein?

„Was wird das?“ Amelie wurde neugierig. Vor Anspannung kaute sie auf ihrer Unterlippe. Der Mann antwortete nicht. Er schien völlig in Gedanken zu sein. Beinahe wie in Trance. Plötzlich begann sich alles um Amelie herumzudrehen. Nur der Mann und sie selbst bewegten sich nicht. Immer schneller und schneller bis nichts mehr um sie herum ein Bild ergab, sie nichts mehr erkennen konnte. Es wurde heller und heller um sie herum. Fasziniert blickte sie in das Licht und versuchte es mit einer Hand zu erreichen, um es zu berühren. Vergeblich. Gerade als sie den Mann fragen wollte, weshalb sie es nicht erreichen konnte und was es damit auf sich hatte, wurde es dunkel und auch gleich wieder hell. Ähnlich einem Wimpernschlag. Amelie stockte der Atem.

„Wir sind da“, sagte der Mann und steckte bereist den Würfel wieder in die Innentasche seiner Jacke, aus der er ihn gezogen hatte.

„Wo sind wir?“ Amelie blickte sich um, aber der Zug war es nicht, der sie umgab. Schier endlos hohe graue Wände waren es. Sie blickte nach oben, doch sah nur Finsternis, die es unmöglich machte, weiter als ihre Augen reichten zu sehen. Dennoch war es nicht dunkel. Ein seltsames Licht ging von den grauen Wänden aus, als würde sie selbst leuchten. Taten sie es oder bildetet sie sich das nur ein?

„Komm schon.“ Der Mann ergriff ihre Hand. „Wir müssen gehen. Es ist schon so spät.“

„Aber wohin gehen wir denn?“ Amelie war verwirrt. Sie wusste weder wo sie war, noch was genau geschehen war, aber sie verspürte das intensive Gefühl, dass sie genau hierher gehörte. Und nicht nur das. Sie kannte diesen Ort, da war sie sich plötzlich ganz sicher.

„Wir müssen jetzt wirklich gehen.“ Der Mann nickte ihr zu und Amelie verstand auf einmal.

„Ich weiß, es ist spät und wir müssen sie retten.“ Amelie schloss ihre Augen und stellte sich auf die Spitzen ihrer Zehen. „Ich bin zurück.“

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