Die Fantasie kennt keinen Lockdown

Die Fantasie kennt keinen Lockdown

17. Februar 2021 2 Von anna

Ja, auch ich lebe im Lockdown. Zum Glück nicht allein. Täglich begleiten mich mein Ehemann und meine beiden Kinder. Mein Sohn gehört zum ersten Corona-Jahrgang (Einschulung 2020). Meine Tochter ist 4 Jahre alt und sollte eigentlich im Kindergarten mit Gleichaltrigen spielen. Stattdessen hat sie tagtäglich Mama und Papa um sich und lernt mit ihrem großen Bruder schon Zahlen und Buchstaben kennen.


Wir haben uns seit dem 13. März 2020 gut organisiert. Wir Eltern sind im Homeoffice und wechseln uns so wie es eben geht mit der Kinderbetreuung ab. In den vergangenen 11 Monaten habe ich mich so oft „Es nützt ja nichts“, sagen hören wie noch nie in meinem Leben. Und ich bin 38 Jahre.


Für mich funktioniert alles genauso lange, wie die Kinder noch lachen. Aber mir vergeht mein schier unermüdlicher Optimismus und meine gute Laune sofort, wenn einer der beiden unglücklich ist. Der Seepferdchen-Kurs vom Sohn war kaum angefangen und die ersten Erfolge errungen – abgesagt. Corona. Endlich in die Schule gekommen unter widrigen Bedingungen, die ersten Freundschaften geknüpft – abgesagt. Corona.

Klar, wir fangen meinen Sohn auf. Lernen mit ihm. Erklären. Loben. Ermöglichen Kontakte über Videochat. Aber das reicht längst nicht. Er lernt zwar Rechnen, Schreiben und Lesen, aber zahlt auch seinen Preis dafür. Wie glücklich war er dann, als es endlich hieß, er darf zumindest jeden zweiten Tag in die Schule. Ein völlig anderes Kind kam nach Hause mit Lob der Lehrerin im Gepäck. Es mag banal klingen, aber das Lob der Eltern steht in keinem Verhältnis zum Lob durch eine andere Autoritätsperson, wie die der Lehrerin.


Meine Tochter schlägt sich bewundernswert toll. An Schultagen erwartet sie ihren Bruder voller Sehnsucht. Krabbelt während Videokonferenzen auf meinen Schoß und berichtet meinen Arbeitskollegen, was es zum Mittagessen gibt. Vieles lassen wir durchgehen. Schimpfen so wenig wie möglich.


Und wo bleibe ich? Seltsamerweise nahm mir der Lockdown vor 11 Monaten die letzte Ausrede, um endlichen einen Blog zu starten, von dem ich so lange schon wusste, dass ich ihn machen will. „Blog-Start in der Krise“, war mein Motto. Ich flüchtete mich, wann immer es ging in meine Internetseite und baute und konzipierte. Ich suchte nach etwas, was mir als Ausgleich dienen konnte. Alles andere war eingeschränkt und nicht mehr so einfach umsetzbar. Egal ob der Besuch im Yoga-Studio oder kleine Wochenendausflüge, um dem Alltag zu entkommen. Oder auch einfach nur ein geplanter Urlaub, als Perspektive, auf die es sich leichter hinleben lässt.


Der Blog wurde für mich mein Ausgleich. Hier schrieb ich plötzlich meine Gedanken auf. Veröffentlichte Kurzgeschichten, die rein gar nichts mit Corona zu tun hatten und verfasste neue Geschichten, die mich entführten. Weg von Corona. Und plötzlich ging es nicht nur mir so. Das Feedback war sensationell und völlig unerwartet. Neben Arbeitskolleginnen und befreundeten Müttern meldeten sich auch mir völlig fremde Personen und wollten wissen, wie meine Geschichten weitergehen. Es gelang mir mich selbst und auch andere von der Pandemie und den Einschränkungen abzulenken. Denn die Gedanken sind frei. Die Fantasie kennt keinen Lockdown. Und das war und ist meine Motivation.


Auch wenn die Zeitfenster zum tatsächlichen Schreiben neben Kinderbetreuung, Homeoffice und Homeschooling nicht besonders groß sind, nutzte ich jeden Moment, um der Wirklichkeit zu entfliehen. Und wenn es mal nachts um halb drei ist, weil ich ohnehin nicht schlafen kann. Meine Geschichten sind mein Ausgleich und helfen mir letztlich den Alltag zu bewältigen und mir  – und damit auch meinen Kindern – eine Perspektive zu bieten.

Dieser Beitrag erschien am 16. Februar in der Goslarschen Zeitung im Rahmen der Leser-Serie „Leben im Lockdown“.

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