Geheimnisse des Winters

Geheimnisse des Winters

7. Dezember 2020 0 Von anna

Als Nico an diesem Wintermorgen aufwacht, hat er nur einen Gedanken: „Eine heiße Dusche.“ Der gestrige Abend war lang. Viel zu viel Glühwein. Schwerfällig setzt er sich im Bett auf, verzieht vor Schmerzen das Gesicht und fasst sich mit der rechten Hand an die Stirn. Wischt sich übers ganze Gesicht.

„Mein Kopf“, stöhnt er.

Seit er 32 geworden ist, steckt er Partys mit viel Alkohol nicht mehr so locker weg wie mit 23. Langsam steht er auf, wirft sich seinen Bademantel über. Mit Duschbad in der linken und einem Handtuch in der rechten Hand schleicht er über den Flur zur letzten Tür auf der linken Seite. Dem Badezimmer. Die anderen Pensionsgäste schlafen noch. Ganz ruhig ist es im Haus, mitten in Köln.

Das Bad ist frei. Nico zieht den weißen Bademantel aus, dreht den Wasserhahn der Dusche auf. Es dauert immer etwas bis das Wasser warm wird. Bleibt also genug Zeit, um noch einen Blick in den Spiegel zu werfen.

„Das Krafttraining lohnt sich“, denkt Nico und steigt zufrieden unter die mittlerweile warme Dusche.

„Das tut gut“, sagt er laut.

Lange und tief atmet er ein und wieder aus.

Plötzlich kracht es gewaltig. Genau unter seinen Füßen. Sein ganzer Körper vibriert. Nico ist mit einem Mal hellwach. Die blauen Augen weit aufgerissen, blickt er nach unten.

„Was war das?“, denkt er. „Ein Erdbeben? Stürzt das Haus ein?“

Da kracht es schon wieder. Flink springt Nico aus der Dusche. Er stürzt. Sein rechtes Bein steckt bis zum Knie in einem Loch fest.

„Was für ein Mist ist das denn jetzt?“, brüllt er.

Der Boden direkt vor der Duschkabine ist eingebrochen. Nico verzieht vor Schmerzen das Gesicht. Nur mit Mühe kann er sein Bein aus dem Loch ziehen, das gerade so groß ist, dass er bis zum Oberschenkel versinken könnte.

„Wo kommt denn das ganze Blut her?“

Er wird blass. Panisch sucht er nach einer Wunde, doch sein Bein ist unversehrt.

„Das ist gar nicht mein Blut“, denkt er. Nico muss sich übergeben. Ihn beschleicht ein grausiger Verdacht. Mit der linken Hand wischt er sich über den Mund und robbt zum Loch.

„O, Gott“, flüstert er mit entsetztem Gesicht. Er sieht eine Hand. Klein. Zart. Wie die von einer jungen Frau. Blau. Leblos. Die Hand einer toten jungen Frau.

Entsetzt aber dennoch voller Neugier untersucht Nico das Loch. Bei seinem Sprung aus der Dusche hat er die dünne Spanplatte unter dem Badezimmerteppich durchtreten, die das Loch bedecken sollte. Obwohl sie mit dünnen Nägeln befestigt worden war, lässt sich das Holz nun leicht entfernen. Nico schiebt Stück für Stück zur Seite. Er will gar nicht weiter nachsehen, aber er kann nicht anders. Adrenalin strömt durch seinen Körper. Sein Herz schlägt so laut, dass er es in seinen Ohren hören kann. Zur leblosen blauen Hand gehört ein Arm. Ein zarter Arm.

„Ganz sicher eine Frau“, denkt Nico. Er erkennt eine Schulter, auf der nasse dunkle Haare aufliegen.

Das Loch misst im Durchmesser mittlerweile 80 Zentimeter und führt zu einem Hohlraum – zwei Quadratmeter groß, wenn überhaupt – direkt unter der Duschkabine. Nico hat genug. Er muss sich erneut übergeben.

„Dort unten liegt eine Leiche“, flüstert er. „Und ich habe ihr Blut an meinem Bein.“

Mit starrem Blick stolpert er über den Flur zurück in sein Zimmer und hinterlässt auf dem Teppich blutige Fußspuren.

Zwei Wochen zuvor:

Langsam schlürft Herr Pohl über den Teppich im Flur zur Haustür. Es hat geklingelt. Die kurzen grauen Haare liegen glatt am Kopf an, glänzen von der Pomade, die er sich jeden Morgen reichlich auf den Kopf schmiert. Eigentlich ist er 48, doch er sieht mindestens zehn Jahre älter aus. Sein Bauch ist über die Jahre zu einer stattlichen Größe herangewachsen. Im blauen Jogginganzug, der schon etliche Jahre alt ist, öffnet er die Tür.

„Ja, was wollen Sie?“, fragt er schnaufend.

Vor der Tür steht eine junge Frau. Schulterlanges kastanienbraunes Haar umschließt ihr hübsches weißes Gesicht. Sie ringt nach Worten. Der Anblick des dicklichen Mannes und sein intensiver Schweißgeruch verschlagen der sonst so schlagfertigen Frau die Sprache.

„Was Sie wollen, will ich wissen“, blökt Pohl erneut, seine Stimme klingt verärgert.

„Ich bin Marie Sommer, ich hatte letzte Woche wegen des Zimmers angerufen“, sagt die junge Frau unsicher.

Marie ist 24. Nach ihrem Modedesignstudium will sie nun Erfahrungen in der Praxis sammeln. Deshalb ist sie auch nach Köln gekommen, um den Designern bei dem angesagten Label „Luisa Zaman“ für acht Wochen über die Schultern zu gucken. Weihnachten und Neujahr geht es so richtig in die kreative Phase des Unternehmens, denn nun wird das komplette nächste Jahr geplant. Alle Trends werden diskutiert und umgesetzt. Eine gewaltige Chance.

„Ein Traum“, wie sie immer wieder betont.

Doch eher als ein Albtraum entpuppt sich das kleine Zimmer in der Pension von Herrn Pohl, dass sie übers Internet für die nächsten vier Wochen gebucht hat. 400 Euro muss sie bezahlen. Mehr kann sie sich nicht leisten. Das Bett steht an der Wand und ist gerade groß genug für die 1,65 Meter große Marie. Zum Glück ist sie schlank, sonst würde sie vermutlich jedes Mal aus dem Bett fallen, wenn sie sich umdreht, so schmal ist die Matratze. Gleich neben dem Bett steht ein kleiner Tisch, darauf ein Blumentopf mit Kunstblumen, deren Farbe vom Staub verdeckt ist. Am Fußende des Bettes steht ein Kleiderschrank, darin liegt eine alte braune Decke, an der Motten ihre Spuren hinterlassen haben.

„Wollen Sie das Zimmer?“, fragt Pohl unfreundlich und kratzt sich am Bauch.

„Ja. Natürlich“, antwortet Marie und seufzt leise.

Ihre braunen Augen blicken rastlos im Zimmer umher. Sie hat keine Wahl. Die Unterkunft ist günstig und jetzt noch eine andere Bleibe zu suchen kommt nicht infrage, es dämmert bereits und morgen ist ihr erster Tag bei „Luisa Zaman“.

„Zähne zusammenbeißen und los geht es“, macht sich die junge Frau Mut. „Ich mache das schon.“

Der stinkende Mann verschwindet endlich, nachdem Marie ihm das Geld für die nächsten Wochen gegeben hat.

„Zum Glück habe ich Desinfektionsspray mit“, denkt sie bei sich und öffnet das Fenster, um frische Luft zu atmen. Sie beschließt erst einmal schön heiß zu duschen und sich dann in ihre flauschige Lieblingsdecke mit Leopardenmuster zu kuscheln, die sie extra noch in den großen Koffer gestopft hatte.

„Und für die anderen vier Wochen suche ich mir eine andere Bleibe.“

Zurück im Hier und Jetzt:

Kommissar Lupus zieht noch einmal an seiner Zigarette, dann wirft er sie zu Boden und tritt sie mit seinen glänzenden schwarzen Lederschuhen aus. Er geht ins Haus, über den Flur, ins Badezimmer der Pension Pohl. Seit 20 Jahren ist er schon bei der Mordkommission. Acht Jahre als Kommissar. Viele Leichen hat er gesehen. Junge, Alte, Kinder, Frauen, Männer. Alles war dabei. Doch selten werden die Opfer an solch ungewöhnlichen Orten versteckt, wie unter einer Duschkabine.

„Da hat sich einer aber richtig viel Mühe gegeben“, sagt Lupus und reibt sich mit Daumen und Zeigefinger das Kinn.

„War bestimmt gut geplant“, bekommt der Kommissar von einem Beamten vor Ort als Antwort.

„Irgendwelche auffälligen Spuren von Gewalteinfluss?“, will Lupus wissen.

„An den Oberarmen haben wir leichte Druckstellen gefunden. Die stammen vermutlich von einer kleinen Hand mit wenig Kraft.“

„Und das Blut?“

„Die Verletzung ist am Oberschenkel. Die Spurensicherung meint, sie ist von einem scharfkantigen Abflussrohr unter der Dusche.“

„Dann war sie vielleicht noch gar nicht tot, als sie im Loch versteckt wurde“, vermutet der Kommissar und greift in seine rechte Tasche nach dem schwarzen Notizbuch, das ihm seine Frau zum letzten Hochzeitstag geschenkt hat.

„Sie meinen, sie ist dort unten verblutet?“, fragt der Beamte nach und schluckt.

„Möglich. Kann der Mann, der sie gefunden hat, schon vernommen werden?“

„Er steht noch unter Schock.“

„Und der Hauswirt? Pohl oder so ähnlich?“

„Verschwunden. Aber schon seit einer Woche, sagt seine Frau.“

„Noch irgendwelche Gäste in der Pension?“

„Nur eine junge Frau. Marie Sommer, 24 Jahre alt. Praktikantin bei irgendeiner Modetante oder so. Wohnt seit vier Wochen hier. Wollte nächste Woche in eine andere Unterkunft wechseln, sagt sie.“

„Hat sie irgendwas bemerkt?“

„Wohl nicht. Sie wirkt recht schüchtern.“

„Aber ist sie es auch? Lassen Sie uns den Bericht der Pathologie auf dem Revier abwarten. Die Marie nehmen wir mit. Die will ich mir mal genauer ansehen“, schnauft der Kommissar und greift nach seiner Zigarettenschachtel in der linken Manteltasche.

Wie geht es weiter?

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